Temperaturinversionen: die unsichtbare Falle beim Spritzen
Windstille bedeutet nicht ideale Bedingungen: Oft ist sie das Zeichen einer Temperaturinversion, die das Mittel in der Schwebe hält und weit trägt. Wie Sie sie erkennen und vermeiden.

Oft heißt es, man brauche „keinen Wind“ zum Spritzen. Das ist irreführend: Bei sehr ruhigem Wetter, in der Morgen- oder Abenddämmerung, kann eine Temperaturinversion das Mittel in der Schwebe halten und weit vom Schlag forttragen. Anders gesagt: kein Wind heißt nicht keine Abdrift. Dieser Artikel, ein Satellit unseres Leitfadens zu Wind und Pflanzenschutz, erklärt das Phänomen, wann es auftritt und wie man es erkennt.
Was ist eine Temperaturinversion?
Tagsüber erwärmt sich der Boden, die Luft an seiner Oberfläche wird warm und steigt auf: Die Atmosphäre durchmischt sich. Abends und nachts kühlt der Boden ab, und die bodennahe Luft wird kälter als die Luft darüber – sie bleibt unter einer wärmeren Schicht eingeschlossen, wie unter einem Deckel. Diese sehr stabile Schicht durchmischt sich nicht mehr: Die feinen Tröpfchen bleiben in der Schwebe und wandern als Schwade, mitunter über mehrere Kilometer, selbst wenn das Anemometer 0 bis 1 m/s anzeigt.
Wann treten sie auf? Risikomittel und -zeiträume
Die günstigsten Momente sind der Abend und die Nacht nach Sonnenuntergang sowie der frühe Morgen, bevor sich der Boden erwärmt, vor allem bei klarem Himmel und ruhiger Wetterlage, manchmal mit stehendem Nebel. In unseren Breiten ist das Phänomen seltener als in den weiten australischen Ebenen, kehrt aber an manchen ruhigen Frühjahrs- und Herbstmorgen regelmäßig wieder.
Bei den Mitteln sind die flüchtigen Wirkstoffe am stärksten betroffen. Der bekannteste Fall in Frankreich ist Prosulfocarb, ein sehr flüchtiges Herbizid im Herbstgetreide: Seine Dämpfe können Nachbarkulturen in mehreren Hundert Metern, ja sogar mehreren Kilometern Entfernung kontaminieren. Die ANSES schrieb bereits 2017 den Einsatz abdriftmindernder Düsen für diese Mittel vor und 2018 die Verschiebung der Herbstanwendungen, wenn sich Nichtzielkulturen weniger als einen Kilometer entfernt befinden. Auch die im Frühjahr eingesetzten Wuchsstoffherbizide (2,4-D, Dicamba, MCPA) sind dafür bekannt, sich bei steigender Temperatur erneut zu verflüchtigen.
Häufige Fragen
Warum ist „kein Wind“ nicht ideal zum Spritzen?
Nahezu kein Wind, vor allem abends oder früh morgens bei klarem Himmel, kann auf eine Temperaturinversion hindeuten: Die Luft durchmischt sich nicht mehr und die feinen Tröpfchen bleiben in der Schwebe, um dann weit abzudriften. Ein leichter, gleichmäßiger Wind ist oft sicherer.
Wie erkennt man eine Temperaturinversion im Feld?
Der Rauchtest ist am einfachsten: Steigt der Rauch auf, liegt keine Inversion vor; bleibt er als Schicht liegen und zieht waagerecht ab, ist es eine Inversion. Stehender Nebel, Tau und sehr ruhige Luft bei Sonnenauf- oder -untergang sind ebenfalls Hinweise.
Welche Mittel sind bei einer Inversion am stärksten gefährdet?
Die flüchtigen Wirkstoffe, etwa Prosulfocarb (ein Herbstherbizid, dessen Dämpfe über mehrere Kilometer getragen werden können) oder die Wuchsstoffherbizide (2,4-D, Dicamba, MCPA).












